Bildung als Schlüssel?


Bei der Vorbereitung für die Feldforschung haben wir uns mit dem Thema Bildung beschäftigt. Bildung wird von Westeuropäischen Ländern oftmals als Allheilmittel gegen Armut dargestellt und wurde in den vergangenen Jahren oftmals in Projekten in Stolipinovo gefördert. Wir wollten wissen, wie die Menschen vor Ort über Bildung denken und ob sie sie als Priorität und Chance im Leben sehen oder durch die armutsgeprägte Lebenslage eher in den Hintergrund gerät.

Wir führten ein Interview mit Yanko (fiktiver Name), einem Mann mittleren Alters, der in Stolipinovo geboren ist und nun auch hier in einem Gemeindeprojekt als Vermittler und Übersetzer arbeitet. Seine Aufgabe ist unter anderem, für Menschen eine angemessene Arbeit zu finden, Eltern zu motivieren ihre Kinder in die Schule zu schicken und ihnen die Wichtigkeit einer guten Schulbildung nahe zu bringen. Weiterhin vermittelt er Kinder an Schulen, die größtenteils von Mehrheitsbulgaren besucht werden. Er erzählte uns, wie wichtig er es findet, dass Kinder von klein auf Bildung erfahren und nicht nur mit Kindern ihrer eigenen ethnischen Gruppe Kontakt haben. Die Vermischung hilft den Kindern andere Sichtweisen anzunehmen und so den Sinn einer guten Bildung zu verstehen.

Die Segregation in Schulen hat sich seit Anfang der 2000er Jahre verschlechtert. Früher wurden Kinder einer bestimmten Schule zugewiesen, die in der Nähe war. Ein Gesetz ermöglicht es aber nun sich eine Schule auszusuchen. Der Kontakt zwischen ethnischen Minderheiten wie den Roma und den Mehrheitsbulgaren wurde so noch mehr reduziert, da die Vorurteile und die Diskriminierung dazu führen, dass eine Vermischung gänzlich unerwünscht ist.

Yanko erklärte uns, dass er nur wohlhabendere Roma-Kinder an bessere Schulen vermitteln kann, da nur sie sich diese leisten können und gut genug Bulgarisch sprechen. Viele ärmere Familien sprechen zuhause nur Türkisch oder Romanes, sodass die Kinder in der Schule nicht mitkommen.

Da man in Bulgarien trotz guter Ausbildung nicht genügend Geld verdient, haben viele Menschen im Stadtteil keine Motivation in die Schule zu gehen, oder ihre Kinder dorthin zu schicken. Allerdings erklärte Yanko uns, dass man nur mit einer guten Schulbildung die Möglichkeit hat einen besseren Job zu bekommen und sich selbst zu verwirklichen. Junge Familien würden diese Ansicht nun auch immer häufiger teilen. Mit einem Grundschulniveau kann er den Menschen nur Reinigungsarbeiten vermitteln.

Wieso er selbst die Schule und Uni besucht hat, liegt an seiner Familie. Sie hat ihn so großgezogen. Familiäre Unterstützung ist in dieser Hinsicht also ein sehr wichtiger Aspekt. Auch hat er als Kind immer davon geträumt, Nachrichtensprecher zu werden und diesem Traum ist er gefolgt. Viele Jahre hat er in diesem Bereich gearbeitet und sogar ein Jobangebot in der Hauptstadt Sofia bekommen. Er hat es jedoch abgelehnt, da es seine Familie nicht verlassen wollte.

Von einem Freund in Deutschland hat er erfahren, wie stark die Bildung dort gefördert wird und dass alle Kinder zusammen in die Schule gehen, unabhängig der Herkunft und Hautfarbe. Wenn er Deutsch lernen und sein Studium abschließen würde, könne er ohne Probleme dort einem ähnlichen Job bekommen und viel besser verdienen.

Yanko ist zufrieden mit seiner Arbeit, weil er Erfolge sieht, wie zum Beispiel ehemals vermittelte Schüler, die nun studieren. Es befriedigt ihn sehr zu sehen, dass er den Menschen hier helfen kann. 

Esther Bammel