Von Realität und Träumen

Ein Interview zum Thema Armut, Teilhabe und Diskriminierung

Seitengasse in Stolipinovo bei Nacht

Wenn Menschen über ihre Geschichte sprechen, kann es mitunter sehr privat werden. Ivan*, ein Mann mittleren Alters, sprach mit uns sehr offen über Themen, die ihn und seine Familie beschäftigen, trotz Dolmetscherin.

Das Gespräch fand in den Räumen der NGO „Youth Club ROMA – Stolopinovo 1996“, in den Sprachen Bulgarisch und Englisch statt.

In Stolipinovo geboren, verbrachte er den größten Teil seiner Kindheit und Jugend dort. In der vierten Klasse fand er, dass er „genug lesen, schreiben und rechnen könne“ und brach die Schule ab. Später arbeitete er in einer Fabrik als Handwerker, unweit von Zuhause entfernt. Es sei keine schlechte Arbeit gewesen, allerdings körperlich sehr anstrengend. Er verdiente nie schlechtes Geld, war aber nicht zufrieden in dem Land; in dem „zu wenig Liebe und Zusammenhalt“ herrsche. Sein Traum war es, nach Frankreich zu gehen, „ein Land, in dem es keine Diskriminierung gebe“.
Dieser erfüllte sich, nachdem er ein jüdisches Paar kennen lernte, für das er nun in Paris spezielle Kerzen für die Synagoge herstelle. Stolz zeigte er uns Fotos von den Kerzen auf seinem Smartphone.

Mit Englisch-Kenntnissen brach er auf, in eine Welt, „die er sich vorher nicht hätte vorstellen können“. Eine Welt, in der Menschen unterschiedlichster Herkunft auf Augenhöhe miteinander sprechen. „Eine Welt, in der kleine Kinder, jeglicher Herkunft, miteinander spielen, lachen und zur Schule gehen“. Alle seien Teil einer „ausbalancierter Gesellschaft“. Die einzige Gefahr sehe er in der zunehmenden Anzahl muslimischer Migranten*innen. In Stolipinovo sehe er da aber noch keine Gefahr.
„Wenn ich denen [dem muslimischen Anteil in Stolipinovo] sage, dass ich Christ bin und bleibe, schauen sie nur abwegig aber lassen mich danach in Ruhe.“

Schnell merkte er, dass er mit Englisch nicht weit kam und fing an, Französisch zu lernen. In dem Gespräch wurde deutlich, dass er vor allem der bulgarischen Regierung und Mehrheitsbevölkerung die Schuld an den Zuständen in Stolipinovo gibt. Seine Frau habe er in Frankreich kennen gelernt. Als Mehrheitsbulgarin sei sie dennoch gegen die von Vorurteilen geprägte Diskriminierung, sei damit aber eindeutig eine Ausnahme.
In Plovdiv, so Ivan*, „gibt es keine Arbeitsplätze für die Roma“ – „Du klopfst dort an die Tür und alles was du jemals hörst, ist, dass wenn man 5 Minuten früher gekommen wäre, eventuell einen Job bekommen hätte“.
In Frankreich sei das anders, hier frage man nach Qualifikationen und Flexibilität.

Seit 14 Jahren arbeitet er nun in Paris und seitdem habe er keinerlei Veränderung in Bulgarien wahrgenommen. Die Politiker*innen würden sich lieber „teure Autos kaufen, als sich für die Armen des Landes einzusetzen“. Besonders betonte er dabei, dass die französischen Politker*innen mit Fahrrad oder günstigeren Autos zur Arbeit fuhren. Er empfindet die bulgarische Politik als „eine Politik des Hasses und der Korruption“. Dabei wolle er, stellvertretend für andere Roma, „einfach nur so behandelt werden, wie alle anderen auch“.
Er meinte, dass es manchmal hilfreicher sei, wenn „Frankreich, Italien und Deutschland mehr Kontrolle in der bulgarischen Regierung übernehmen würden“. Zu viel Geld von europäischen Staaten würde einfach verschwinden oder an falschen Stellen investiert werden.

Ivan* ist momentan zurück in Stolipinovo, da sein Vater schwer erkrankt ist und finanzielle Unterstützung benötige – „Er kann sich die medizinische Versorgung alleine nicht leisten“. Sobald es seinem Vater besser gehe, könne er zurück nach Frankreich. Sein Boss, so Ivan*, habe größtes Verständnis für die Situation, Hauptsache die Kerzen seien bis Dezember fertig. Er sei sehr glücklich mit seiner Entscheidung, auch wenn er anmerkte, dass wenn er länger zur Schule gegangen wäre, er hätte Arzt werden können. Bereuen tue er aber nichts.
Auf die Frage, was er in Bulgarien als erstes verändern würde, antworte er, dass er „die älteren, einsamen Frauen und Waisenkinder unterstützen würde, damit diese ein besseres Leben hätten“.

*Ivan ist ein fiktiver Name.

Jana Fuchs