Die kleinen Begegnungen

Läuft man durch die Straßen von Stolipinovo, passiert es immer wieder, dass man mit den Einwohnern in Kontakt kommt. Gerade als wir noch neu im Stadtteil waren, wurden wir immer wieder freundlich gegrüßt. Menschen haben gelächelt, gewunken und waren allgemein sehr offen. Von ein paar dieser kleinen Begegnungen möchte ich gerne erzählen, angefangen am Sonntag, 07.04., bei unserem ersten Rundgang durch Stolipinovo.

Wir starteten an der NGO und ein junger Mann aus der Nachbarschaft hat uns ein bisschen herumgeführt, damit wir uns einen ersten Eindruck verschaffen konnten. Es hat nicht lange gedauert, bis ein älterer Herr auf uns zukam und uns ein bisschen über sein Leben erzählt hat. Da wir eine Dolmetscherin dabeihatten, konnten wir uns kurz mit ihm unterhalten. Er war davon überzeugt, dass Gott ihm seinen Weg zeigen wird. Das hat er immer wieder wiederholt.

Am nächsten Tag wollten wir uns zu zweit auf dem Marktplatz auf eine Bank setzen, um ein paar Beobachtungen festzuhalten. Das hat aber nur kurz funktioniert. Ein Mann auf einer anderen Bank fing an mit uns zu reden. Da er weder deutsch noch englisch sprechen konnte, versuchten wir, uns mit Händen und Füßen mit ihm zu verständigen. Das hat auch überraschend gut funktioniert. Wir konnten nicht alles verstehen, aber dass er mal als Gärtner in Castrop gearbeitet hat war relativ deutlich zu erkennen. Kurz darauf kam noch ein anderer Mann hinzu. Bei ihm war es schwieriger zu verstehen, was er sagen wollte. Diesen zweiten Mann haben wir später am Tag aber noch mal wiedergetroffen. Er hat uns mit den Worten „I love you“ begrüßt. Auch an den darauffolgenden Tagen bin ich ihm immer wieder begegnet und immer war er freundlich.

Als ich abends dann mit meiner Gruppe „Armut und Perspektiven“ unterwegs war, entschieden wir uns dafür, noch irgendwo einen Kaffee zu trinken. Wir suchten uns ein kleines Café aus und setzten uns hin. Wir wollten gerade etwas bestellen, da kam auch schon ein anderer Kunde auf uns zu und hat uns auf Türkisch gefragt, was wir trinken wollen. Wir haben es ihm gesagt und er hat uns die Getränke daraufhin bezahlt. Er wollte dafür nichts im Gegenzug haben. Nicht einmal ein kleines Gespräch. Nach der Bestellung ist er wieder zurück an seinen Tisch gegangen. Etwas ähnliches ist uns auch am nächsten Tag passiert. Aber diesmal war es die Besitzerin, die uns die Getränke spendiert hat. Gastfreundschaft wird in Stolipinovo wohl großgeschrieben.

Die deutsche Sprache ist im Stadtteil recht weit verbreitet, dafür dass Bulgarien nicht in unmittelbarer Nähe zu Deutschland liegt. Aber auch französisch beherrschen ein paar Leute. Die Gründe dafür kamen in den Interviews recht eindeutig zu Tage. Diese Menschen haben schon einmal im Ausland gearbeitet und dabei ein paar Wörter mitgebracht. Deshalb kommt es auch immer wieder vor, dass man auf Deutsch angesprochen wird. Dazu kam es zum Beispiel, als der Besitzer eines Spielzeugstandes gehört hat, wie wir uns unterhalten haben. Er kam auf uns zu und lud uns zu einem Kaffee in seinen Hof ein. Wir haben mit ihm dann ein bisschen über Schule, Arbeit und Transnationalität geredet.

Diese kleinen Begegnungen gibt es immer und immer wieder. Ich habe mit vielen Menschen gesprochen und oft waren es nur ein paar Worte oder auch nur Gesten. Manchmal versteht man sich. Ein anderes Mal geht es nur um Geselligkeit, wie zum Beispiel bei einem spontanen open-air Kickerduell. Und in wieder anderen Situationen bleibt es bei einer freundlichen Begrüßung. In Stolipinovo kommt man in Kontakt, wenn man sich nicht vollkommen verschließt. Der Stadtteil lebt, ist offen und immer wieder für eine Überraschung gut.

Felix Mecklenburg