Vorurteile

An unserem vierten Forschungstag ist meine Kleingruppe (David Uekötter, Diana Greiner, Helge Döring und ich) in Plovdiv unterwegs. Doch bevor wir uns auf den Weg in die Innenstadt machen, versuchen David und ich noch ein Interview an der Universität zu führen.

Panorama von Plovdiv – Aljoscha Denkmahl

Schnell finden wir eine junge Frau, die im folgenden Marie (fiktiver Name) genannt wird. Marie erklärt sich schnell bereit, an unserer anonymen Befragung teilzunehmen. Marie ist 19 Jahre alt und wohnt erst seit einem halben Jahr in Plovdiv, um Linguistik zu studieren.

Wir beginnen unser Interview mit einer Frage zum Thema „Plovdiv 2019 – Cultural Capital of Europe„, woraufhin sie uns erzählt, dass viele ihrer Kommilitonen nichts mit dieser Kampagne anfangen können. Nach einer Weile kommen wir zum Thema Vorstädte von Plovdiv. Wir steigen in die Thematik ein, indem wir ihr erzählen, dass uns mehrere Taxifahrer gewarnt hätten, nicht in bestimmte Vororte zu gehen. Sie erklärt zunächst, dass es in den Vororten schlichtweg nichts zu sehen gäbe, hauptsächlich Fabriken. „Es gibt aber auch Vororte, wo es nur Leute gibt, die du lieber nicht sehen willst.“, erzählt Marie.  Auf die Frage, was für Leute sie meint, antwortet sie: „Vielleicht sagt euch der Name Zigeuner etwas? Der Ort wo sie leben sieht aus wie ein anderes Land. Sie haben ihre eigenen Regeln, sie machen was sie wollen und es ist nicht ratsam dorthin zu gehen, vor allem nicht als Frau“. Ich frage sie, was einem als Frau dort passieren könnte. Sie sagt, dass man da nicht sicher sein kann, weil die Leute dort verrückt seien. „Es könnte dir was schlimmes passieren.“ Die Frage, ob sie jemals dort gewesen sei, beantwortet sie mit nein.

Wir fragen Sie, ob Leute aus diesem Ort auf ihre Uni gehen. Daraufhin sagt sie: „Nein. Meistens gehen diese Leute nicht mal zur Oberschule. Und Bildung ist wichtig, aber manche Eltern scheinen das anders zu sehen. (…) Ihre Gedanken und das was sie machen sind komplett anders, als das, was du bei einem Bulgaren sehen würdest. (…) Das, was man so in den Nachrichten hört ist: Bulgarien stellt diesen Leuten jede Menge Hilfe zur Verfügung. (…) Also sie haben keinen Grund, auf diese Weise zu leben, aber trotzdem machen sie es. Einer der Gründe, warum sich bei diesen Leuten nichts verbessert, ist, meiner Meinung nach, dass diese Leute nicht arbeiten wollen. Sie wollen sofort viel Geld verdienen, aber das geht nicht ohne die nötigen Qualifikationen. Wie willst du denn viel Geld verlangen, wenn du gar nichts zu bieten hast? (…) Viele von denen sprechen gar kein Bulgarisch, also nicht richtig, also es ist schon manchmal schwer sie zu verstehen.“

Inzwischen hat sich eine Freundin von Marie zu uns gesetzt und angefangen zuzuhören. Ich frage Marie, ob sie jemanden kennt, der aus einem Roma-Bezirk kommt. Marie meint, dass es da auf einer anderen Universität jemanden gäbe, der reiche Eltern habe und ein ziemlich netter Typ sei.

David fragt Marie: „Also liegt es an der schlechten Bildung, dass man so schlecht mit diesen Leuten klar kommt?“ Marie beginnt zu antworten: „Ja genau, vielleicht wenn…“, doch sie wird plötzlich von ihrer Freundin unterbrochen: „Nein, das ist, glaube ich, nicht wahr. Ich meine, die meisten Leute im Ghetto sind doch nur Zigeuner. Es liegt in ihrer Natur, Diebe zu sein und so weiter.“ Daraufhin korrigiert Marie ihre Aussage, indem sie sagt: „Ja genau, ich wollte sagen, sie sind anders als wir. Sie denken anders als wir und das ist wahrscheinlich der Grund warum die Bulgaren sie nicht mögen.“

Auf die Frage, woran man einen Roma denn erkennen kann, antworten die beiden: „Also die haben so ein paar bestimmte Merkmale. Die Haut ist meistens dunkler als normal, aber oft gibt es auch hellere Zigeuner, also die Hautfarbe ist nicht so entscheidend.“ Die Worte „arm“ und „dreckig“ fallen, genauer können sie es nicht beschreiben.

Wir wechseln aufgrund eines Anrufs, den Marie bekommt, das Thema und beenden nach einer Weile schließlich das Interview.

Interviews, wie dieses, stellten eine große Herausforderung, in unserer Feldarbeit, dar. Besonders, nachdem wir bereits einige, lange Tage in Stolipinovo unterwegs waren und seine schönen Seiten lieb gewonnen hatten. Diesem offenen Rassismus mit Interesse und Neutralität zu entgegnen, hätte ich mir niemals so schwierig vorgestellt.

Sebastian Ritter